© 2016 by Anna Kollwig

Geburtsbericht von Estibaliz

Meine Schwangerschaft verlief problemlos und im Nachhinein betrachtet nahezu perfekt.

Da meine letzte Prüfung an der Uni Anfang August erledigt war, konnte ich in aller Ruhe den Endspurt der Schwangerschaft genießen, den Bauch täglich wachsen sehen, Babys kräftige Bewegungen spüren und mich auf die Geburt und die Zeit danach vorbereiten. Durch den Zusammenzug mit dem Papa des Kindes in neues Terrain fand ich mich zwar relativ isoliert, jedoch in wunderbarer Natur und mit dem Gefühl, willkommen zu sein, wieder.

Etwas spirituell angehaucht waren mein Freund und ich uns fast sicher, es würde eine Waage, also das Element Luft, in mir heranwachsen, weshalb wir, je näher der ET (23.9.) rückte, uns immer sicherer wurden, die Geburt würde frühestens am 24.9. losgehen.

Als ich am 22.9. nachts um 00:30 Uhr mit einem Stechen im Unterrücken aufwachte und tropfend auf die Toilette lief, war ich also doch relativ überrascht. Da jedoch schon ordentlich Fruchtwasser und kurze Zeit später auch der Schleimpfropf abging, wusste ich voller Vorfreude und Aufregung: es geht dann wohl los.

Die liebe Anna ging direkt ans Telefon und schlug mir vor, ich solle sie wieder anrufen, wenn die Wehen regelmäßig kämen – da dies nach kurzer Zeit schon der Fall war, machte sie sich ziemlich direkt auf den Weg. Zwar hatte sie bedingt durch unseren Umzug eine Fahrtzeit von knapp einer Stunde, jedoch war sie nach meinem Empfinden sehr schnell da.

Was ich neben ständigem Wasserlassen und Wasser trinken während dieser Zeit tat, kann ich nicht mehr genau sagen… jedoch war ich etwas beunruhigt, da ich keine Kindesbewegungen spürte und immer wieder an einen Nabelschnurvorfall dachte. Als Anna nach Eintreffen ein kurzes CTG machte, konnte sie mich allerdings beruhigen.

Nun einigten wir uns darauf, dass Anna sich unser Gästebett zurückziehen und gerne etwas schlafen könne, während mein Freund und ich im Wohnzimmer blieben. Er richtete eine nette Atmosphäre her und ich bewegte mich zwischen Geburtsstuhl und Sofa hin und her, um am besten mit den Wehen umzugehen.

Nach circa zwei Stunden, als ich den ersten Druck nach unten spürte, beschlossen wir, Anna zu wecken, welche direkt kam und – wenn ich mich richtig erinnere, aber in jedem Fall mit meinem Einverständnis – den Muttermund ertastete und erneut ein CTG machte.

Wie genau die nächsten drei Stunden bis zur Geburt verliefen, ist für mich schwierig, chronologisch zu rekonstruieren. Irgendwann stellte ich mal Musik von Mozart an, welche ich nach kurzer Zeit nicht mehr ertragen konnte, ich trank gefühlt Unmengen von Wasser, wollte mich bei einem Biss in einen Riegel am liebsten übergeben und forderte einen Eimer ein. Ich begann, unerwartet viel zu tönen, ließ zwischen den Wehen leicht sarkastische, trockenen Bemerkungen ab und wollte ab und zu, leicht ungeduldig, von Anna wissen, wie weit wir seien – was sie natürlich nicht immer beantworten konnte.

Das berühmte vor und zurück des Kopfes entlockte auch mir den Satz „Ich habe keine Lust mehr“ und der treffend betitelte „Feuerring“ überstieg meine vorgeburtliche Vorstellungskraft. Als ich mich endlich traute, den Kopf zu fühlen, kniete ich, meinen Freund umschlungen, ein Bein hochgestellt. Zwischendurch musste ich immer wieder meine Beine einzeln ausstrecken, mal einen Schluck trinken, Schultern, Mund, alles entspannen. Ich hatte das Gefühl, mich komplett auf jede Wehe, die stärker und länger als die vorherige war, einzulassen, sie als Hilfe zu sehen und sie gleichzeitig zu unterstützen.

Endlich kam der ersehnte Satz der Hebamme: „Ja hallo, wer bist denn du? Du machst ja die Augen schon auf.“ Zum Glück verschwieg sie zu dem Zeitpunkt noch, dass mein Baby vorhatte, wie Superman auf die Welt zu kommen – was mir ein kleines aber schnell verheilendes Hämatom verpasste. Ein paar Augenblicke später glitt der ganze Körper in die Arme der Hebamme. Mein Freund, mein Fels in der Brandung, blieb bei mir vorne und verzichtete spontan auf diese Rolle. Kaum war das Baby draußen, nahm ich es in die Arme, nahm irgendwie unbewusst war, dass ich ein Mädchen geboren hatte, stieg auf, versicherte mich, dass die Nabelschnur durchhing und legte mich auf das Sofa. Da lag meine Tochter nun auf mir. Während der Presswehen war eine zweite Hebamme, Karolin, hinzugekommen, die nun die im Ofen gewärmten Handtücher holte und mein Mädchen damit bedeckte. Im weiteren Verlauf kümmerte sie sich liebevoll um unser Wohl und auch über ihre Präsenz war ich sehr froh. Mein Freund setzte sich neben mich, beteuerte mir seinen ewigen Respekt, weinte vor Glück. Ich war voller Adrenalin, alles war richtig. Noch zweimal mussten wir uns über das Geschlecht vergewissern – mittlerweile funktionieren Augen und Gehirn aber wieder auf Anhieb! Als der neue Erdenbürger schon bald nach der Brust suchte, legte ich, als sie sich in Brustnähe befand, meinen Finger an die Lippe und sie biss zu.

Schon nach ungefähr 15 Minuten kam die Plazenta, vollständig und wunderschön. Nach Auspulsieren der Nabelschnur setze Anna die Klemme und mein Freund schnitt sie durch.

Im Nachhinein hätte ich mir gerne mehr Zeit genommen, Plazenta und Nabelschnur zu bewundern, aber in dem Moment zog die Kleine einfach all ihre Aufmerksamkeit auf sich.

Die erste Woche erscheint mir im Nachhinein, als hätte ich sie in Trance erlebt. Im Laufe der zweiten und dritten Woche gewann ich täglich an Energie, meine kleine Tochter wächst und entdeckt täglich etwas mehr und sogar das Abhalten bekommen wir immer besser hin - sie freut sich darüber, dass ihre Signale gelesen werden, ich freue mich darüber, sie zu verstehen (und Wäsche einzusparen).

Für jede mich im Vorhinein erreichende Information zum Thema Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett (Vorbereitungskurs bei Anna, Lektüre, YouTube-Kanäle, Gespräche), aber auch das rechtzeitige Loslösen vom Kopf und Hinwenden zum Instinkt bin ich endlos dankbar.

Voller Stolz betrachte ich das zauberhafte Wesen, mit dem ich von Nun an mein Leben teilen werde und habe wohl die beste Entscheidung meines Lebens mit der Wahl einer Hausgeburt getroffen.