© 2016 by Anna Kollwig

Geburtsbericht von Ruby

Es ist Samstag, fünf Uhr in der Früh und mein Geburtstag.

 

Ich bin dick, müde vom Schlafmangel und bewege mich seit Wochen mit der Leichtigkeit eines Weinfasses. Seit einiger Zeit gehe ich buchstäblich am Stock oder krieche auf allen Vieren, weil mein Baby galant auf die Symphyse drückt und meine Beine schmerzvoll nutzlos macht. Aber nun, kurz vor dem Sonnenaufgang machen sich Wehen bemerkbar – heute – knappe drei Wochen vor dem errechneten Termin. Und sie wiederholen sich mit einer Verlässlichkeit, die meine geplante Party wohl unmöglich machen wird. Was nun? Heiß duschen, keine Linderung, also tut sich was.

Obwohl wir mindestens bis acht Uhr warten möchten, rufe ich Nele schon kurz nach sieben an, um sie vorzuwarnen. (sorry fürs Wecken) Sie beruhigt mich: „Aufwachen, frühstücken und beobachten“ sie ist erreichbar, wann immer ich was brauche.

Bereits zum Frühstück hat sich der Wehenabstand von fünfzehn auf fünf Minuten verkürzt und wir sind uns nicht sicher, ob Baby Nummer zwei nicht schon zum Mittagessen bei uns sein wird. Doch dann: Auftritt Kind Nummer eins, unsere kleine Große freut sich auf den Tag mit uns, will Abendteuer erleben und meine Wehen sind von jetzt auf gleich beinahe wie weggeblasen. So verläuft sich der Vormittag mit Spielen, dem Canceln meiner Party und Warten. Ich freue mich auf einen Mittagsschlaf zum Energie tanken, doch sobald Mama Wal auf der Couch liegt, zwicken und zwacken Wehen, wie um mich zu ärgern. Den ganzen Tag lang verliere ich Schleim, man sollte annehmen, dass sich der Pfropf  löst und das war es dann. Nele klärt mich auf, dass sich das während des Geburtsvorgangs fortführen kann.

Am Nachmittag gehe ich mit meiner kleinen Großen eine Runde spazieren, warum auch nicht? Wir genießen die Zweisamkeit und ich versuche, so viele Augenblicke mit ihr zu speichern, wie ich kann. Was passiert, wenn das Baby da ist? Jetzt wird es real und mein kleines Herzblatt wird zukünftig viel mehr Zeit mit ihrem Papa verbringen, weil Mama „besetzt“ ist. Ich freue mich auf diese Zeit und fürchte mich gleichermaßen. Ein paar Wehen begleiten uns. Ich werde nie vergessen, dass ich mich frage, wie viel der Mensch wohl aushalten kann, als ich mit meiner Tochter auf einem Arm und ihrem Laufrad in der anderen Hand eine Wehe veratmen muss. Meine kleine Große hilft mit, den ganzen Nachmittag über pustet sie mit mir „pffffft“.

Später stehen ein paar meiner Gäste vor unserer Tür, eine riesige Windeltorte im Gepäck und singen für mich (für uns?) Die kurze Ablenkung vom Warten und der Langeweile tut gut. Am späten Nachmittag entscheide ich mich, auf Anraten einer Freundin, für ein warmes Bad. Sie will, dass ich entspanne, ich will sehen, ob die Wehen dadurch vielleicht wieder in Gang kommen. Tun sie, lange halte ich es in der Badewanne nicht aus.

Draußen braut sich ein ziemliches Wetter zusammen und ich springe auf, um festzumachen, was wegfliegen könnte, während mein Mann unsere Große ins Bett bringt. Die  Wehen, die wie zur Vergeltung kommen, sind bissig.  Wenig  später ist der Tag im Grunde gelaufen, unsere Tochter schläft und wir sitzen bei Pizza und einem nicht allzu vielversprechendem TV-Programm als sich mein Wehenschalter endgültig umlegt.

Ganz dringend muss ich zur Toilette und bin eine Zeitlang außer Stande wieder aufzustehen. Mein Mann ruft Nele, die zum Glück schon auf dem Weg nach Guntersblum ist und nun direkt zu uns kommen will. Jeder Schritt oder Positionswechsel endet in einer Wehe, die schon ziemlich schmerzhaft sind. Den ganzen Tag haben wir mögliche Geburtsorte im Haus eingerichtet und wieder abgebaut und nun finden wir uns im Wohnzimmer wieder.

Nele richtet sich mit uns ein und untersucht mich, mit wenig erfreulichem Ergebnis. Mein Muttermund ist 3-4 cm weit geöffnet, die Wehen vom ganzen Tag haben also nicht sehr viel erreicht. Wir entscheiden uns für eine Buscopan, um das Gewebe ein wenig weicher zu machen, es ist halb zehn abends. Die Pausen zwischen den Wehen sind kurz, zumindest empfinde ich es so. Mein Mann und Nele helfen mir, der Eine mit einem Wärmekissen auf meinem Rücken, die Andere mit Motivation und Ermahnung, jede Wehe zu Ende zu bringen. Ich bin müde, der Geburtshocker ist nichts für mich, er bietet mir keinen zuverlässigen Halt. Wir verbringen ein zwei Stunden zwischen Wehen, Mikrowelle fürs Wärmekissen und dem Geburtsvergleich von unserer großen Tochter. Die schläft und schlummert selig, bekommt von dem Trubel nichts mit. Ich selbst bin unerträglich müde, sehne mich nach Stille und Ruhe. Die Zeit scheint sich zu dehnen, wie Gummi.

Meine Wehen verändern sich, ich kann dem Drang zu pressen, kaum noch widerstehen. Nele untersucht mich und es steht fest: wir sind startklar. Gibt es so spät am Abend noch ein Geburtstagskind für das Geburtstagskind? Diese Überlegung ist mir herzlich egal, die Schmerzen sind enorm und ich möchte nur, dass es vorbei ist. Wie ich da halb auf der Couch, halb auf dem Boden hocke und meine Schmerzen in den Kissen zu ersticken versuche, hat mit Eleganz sicher nichts zu tun. Umso erleichterter bin ich, als während einer Wehe endlich die Fruchtblase platzt und der Druck kurzzeitig nachlässt. Danach beginnt die eigentliche Arbeit für uns Alle. Nele erklärt mir, während der Wehen mit Gefühl und Bedacht mitzuschieben, auf meine Körpersignale zu achten - ganz anders als wir es aus dem Kreissaal kennen. Mit warmen Kaffeekompressen unterstützt sie die sanfte Weitung meiner Vagina, was äußerst wohltuend ist und obendrein unheimlich gut duftet.

Unsere kleine Tochter begrüßt uns schon, als nur ihr Kopf geboren war. Eine letzte Wehe und Nele nimmt sie um 23.50 Uhr in Empfang. Unfassbar, sowas Kleines vor sich zu haben. Wie froh ich bin, mich wieder bewegen und durchatmen zu können, unseren Neuankömmling bestaunen zu dürfen, muss ich nicht aufschreiben. Ich darf die Nabelschnur des Winzlings durchschneiden und nehme es in meine Arme. Unsere zweite Tochter weiß ziemlich schnell, was sie braucht, das erste Anlegen ist für uns beide reine Formsache, als täten wir es schon lange so.

Auch die Nachgeburt lässt nicht lange auf sich warten, danach starten wir in einen „frühen“ Feierabend. Nele begleitet mich ins Bad für eine kurze, heiße Dusche, versichert sich mehrfach, dass es dem Baby, mir und meinem Mann gut geht. Drei oder vier Stunden nach der Geburt verabschiedet sich Nele von uns. Es ist so unwirklich, mit dem gerade geborenen Baby in das eigene Bett zu klettern. Wir sind erschöpft, erleichtert und glücklich.

Nur wenige Stunden später krabbelt unsere kleine Große zu mir ins Bett und begrüßt den Tag mit einem „Oh, ein Baby“. Die beiden bekommen die erste Gelegenheit, sich gegenseitig zu beschnuppern. Eine von beiden Mädchen wird noch zwei Tage lang nach Kaffee duften…